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Pragmatismus ersetzt Gestaltungswillen

23.03.2011

Der Politologe Franz Walter zum Pragmatismus als Politikersatz in der SPD:

»Zum Pragmatismus der letzten 25 Jahre gehörte die Verachtung von Programm, Ethos, Entwurf, Idee, Imagination, Bildern. Der Pragmatismus will nicht erzählen und erklären, sondern handeln und machen. Dass jedes Tun auch motiviert wird durch Kriterien der Entscheidung, durch Präferenzen und Prioritäten, die in Deutungen und Wertungen des gesellschaftlich-politischen Umfelds begründet liegen, hat er sich nicht eingestanden, zumindest nicht als offenen Diskurs zulassen wollen. Dennoch definierte und legitimierte sich der Pragmatismus der letzten Jahre als pure politische Exekution des Sachzwangs, der alternativlosen Notwendigkeiten.« (Anbeter des Erfolgs, Franz Walter ↗, 21.03.2011, Göttinger Institut für Demokratieforschung)

Am Ende des Artikels zitiert er Golo Mann:

»Max Weber unterschied zwischen Realismus und ‚Realpolitik’. Der Realist setzt sich frei gewählte Ziele, die im Reich der Möglichkeit liegen, mitunter sogar jenseits seiner Grenzen, denn es mag vorkommen, dass man nach dem Unmöglichen greifen muss, um Geringeres, Wünschbares zu gewinnen. Immer ist der politische Realismus zwischen dem eigenen Willen und der ihm entgegenstehenden Wirklichkeit, die man als das erkennt, was sie ist – die ‚geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens, und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein’, wie er kurz vor dem Ende formulierte. Dagegen bedeutete ihm das Modewort ‚Realpolitik’; die Annahme jeder Entwicklungstendenz, weil sie einmal da war, ohne den Willen, sie so oder so zugestalten; die prahlerische oder zynische Anpassung an jede Wirklichkeit ohne im Ernst verfolgt eigene Ziele, die Anbetung des Erfolges, das nervöse Haschen nach Erfolg oder Scheinerfolg, wo immer er sich bot.«

(Golo Mann: Zeiten und Figuren, Frankfurt a.M. 1979, S. 175)

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