Der Säzzer

10.09.2009

Wenn fehlender Sachverstand auf Eigennutz trifft, wird die Welt plötzlich sehr klein

Wer einmal sehen möchte, wie ideologische Abneigung gegen eine bestimmte politische Richtung blind macht für das Gemeinwohl, wird auf der Website stoppt-die-linke.de in dem Beitrag Highlights aus dem Wahlprogramm der Linken (Teil 6) vom 09.09.2009 fündig. Frei von jedem volkswirtschaftlichen Verständnis und getrieben von dem Ehrgeiz, für sich (und Gleichgesinnte) das beste herauszuholen, reißen sie lieber jede funktionierende Volkswirtschaft (und eine schwächelnde wie die unsrige erst recht) in Richtung Abgrund, als auch nur einem »Unproduktiven« zuviel Wohlstand (oder was sie dafür halten) zu gönnen.

Fangen wir doch einfach mal an.

»[…] Spätestens bei diesem Thema (Sozialpolitik; d. Säzzer) wird deutlich, dass es der Linken eigentlich nur um eines geht: um Umverteilung. Umverteilung von den Produktiven zu den Unproduktiven – und das nicht nur zu den Arbeitslosen, sondern auch den Arbeitsunwilligen. Ausbaden müssen das keineswegs nur die sog. “Super-Reichen”, sondern alle, die mit produktiver Arbeit einen Hauch mehr verdienen als der Durchschnitt.«

Ahnungsbefreit benutzen die Autoren des Weblogs das Begriffspaar »produktiv« und »unproduktiv« und unterwerfen die durchaus komplexen Einkommensstrukturen der simplen Aufteilung ihrer kleinen Welt in Diese und Jene. Freilich ohne zuvor zu definieren, wer produktiv und wer unproduktiv ist.

Sind diejenigen produktiv, die ihr Geld anlegen und dieses samt Zinsen zurückbekommen? Wohl kaum, auch wenn sie ihren eigenen Wohlstand vermehren. Faktisch sind diese Menschen sogar arbeitsunwillig. Wer genug Geld hat und aus diesem Grund nicht mehr arbeitet und sein Geld anlegt handelt marktwirtschaftlich genauso logisch, wie ein Mensch, der nicht arbeitet, weil der angebotene Lohn zu niedrig ist. Die wenigen, die für keinen Lohn der Welt arbeiten wollen, sind volkswirtschaftlich völlig irrelevant und fallen nicht ins Gewicht.

Darüber hinaus setzten sich die Autoren über die Tatsache hinweg, dass in einer Volkswirtschaft in erster Linie die Nachfrage nach Dienstleistungen und Waren entscheidend für das Wirtschaftswachstum ist. Ob Arbeitnehmer oder Arbeitslose, Arme oder Reiche, Unternehmer oder Arbeiter, Angestellter oder Beamter, Kind oder Rentner, sie alle tragen zur Nachfrage bei.

Um eine Volkswirtschaft nach vorne zu bringen, um Wirtschaftswachstum zu erzeugen, muss die Nachfrage und damit der Konsum angekurbelt werden, egal von wem. Das größte Potential für eine erhöhte Nachfrage liegt natürlich vor allem bei den Armen und sinkt mit der Größe des vorhandenen Einkommens. Je ärmer ein Mensch, desto mehr seines Vermögens steckt er in den Konsum. Je reicher ein Mensch, desto weniger seines Vermögens steckt er in den Konsum.

Es ist volkswirtschaftlich absolut unsinnig, arbeitsmarktpolitische Instrumente an denen auszurichten, die nicht arbeiten wollen. Innerhalb einer Volkswirtschaft muss man sich an denen ausrichten, die zum Wirtschaftswachstum beitragen wollen und können.

Auch bezüglich der Daseinsvorsorge in früheren Zeiten postulieren die Autoren frei von jeder Sachkenntnis:

»1. Wer sagt eigentlich, dass es die Aufgabe des Staates ist, für so ziemlich jedes Lebensrisiko eine Vollkasko-Lösung (ohne Selbstbeteiligung!) zu bieten? Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg haben Staaten für Sicherheit und Recht gesorgt, ohne zu glauben, sich in die Daseinsvorsorge einmischen zu müssen.«

Im Gegenteil haben die Gesellschaften über »Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg« sehr wohl die Daseinsvorsorge übernommen. Sei es in jahrtausende alten Stammesgesellschaften, sei es in jahrhunderte alten Feudalgesellschaften. In den Stammesgesellschaften war es Verpflichtung, Stammesangehörigen ohne Rücksicht auf den eigenen Wohlstand in Notsituationen zu helfen, teilweise bis zum eigenen Existenzminimum. In den feudalen Gesellschaften erhielt der Lehnsherr jährlich seine Abgaben von der Bevölkerung, dafür garantierte er dieser aber auch in Zeiten der Not das Überleben.

Noch bis zum Ende des Mittelalters bis zum Beginn der frühen Neuzeit wurden Erwerbslose besser behandelt als heute. Erst mit Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte sich nach dem Vorbild der in Britannien (und nur da) bereits etablierten Arbeitspflicht der Bau von Armenhäusern durch. Es war also ironischer Weise am Ende der Aufklärung, als sich die Lebensverhältnisse der Erwerbslosen extrem verschlechterten.

Man kann also sehr gut sehen, wie man scheinbar historische Verhältnisse herbeiphantasieren muss, um seine politischen Vorstellungen zu rechtfertigen.

Auch an weiteren Stellen in diesem Pamphlet werden munter die unterschiedlichsten Begrifflichkeiten in Zusammenhang gebracht und Behauptungen einfach in den Raum gestellt.

Beispielsweise wenn behauptet wird, das Umlageverfahren funktioniere nur, wenn genug Kinder geboren werden und die Arbeitslosigkeit auf einem dauerhaft niedrigen Niveau liege. Dass unter diesen Bedingungen das Umlagesystem besonders gut funktioniert, sollte jedem einleuchten. Aber zu behaupten, dass es unter schlechteren Bedingungen nicht funktioniert, verkennt die Tatsache, dass das Umlageverfahren in erster Linie von der Produktivität (hier im volkswirtschaftlichen Sinn) unserer Wirtschaft abhängt. Es würde sogar funktionieren, wenn nur einige wenige besonders produktiv sind; aber das verlangt ja keiner. Würde ja auch gegen den »Arbeitsethos« der Autoren verstoßen.

Und dass der Staat als Garant der Daseinsvorsorge ein Monopolist ist, ist so logisch wie billig. Wer anders als der Staat kann denn letztendlich eine Daseinsvorsorge garantieren. Bestimmt nicht der pleite gegangene Versicherungskonzern. Übrigens: In der gesetzlichen Rentenversicherung fließen 2% bis 3% der Beiträge in die  Verwaltung, bei privaten Rentenversicherungen verschwinden zwischen 10% und 20% in den Taschen der Versicherer für Prämien, Verwaltung und Gewinnabschöpfung.

Nur an einer stelle liegen sie richtig. Wenn sie kritisieren, »dass die Aufteilung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil irgendeine Bedeutung hätte – hat sie aber nicht: Aus Sicht des Arbeitgebers sind das alles Lohnkosten, […]« Da haben sie recht, aber da geht es ja auch um Betriebswirtschaft.

Niemand kann als einzelner für die Gesamtentwicklung auf den Märkten verantwortlich gemacht werden. Ebenso kann man betriebwirtschaftliche Theorien nicht auf die Volkswirtschaft übertragen. Makroökonomische Entwicklungen fallen daher immer in die Verantwortlichkeit des Staates.

Auch wenn im Text noch einige Blüten an mangelndem Verständnis für wirtschaftliche Abläufe außerhalb der mikroökonomischen Sphäre zu finden sind, man muss den Text nicht zuendelesen. Daher höre ich an dieser Stelle auf.

Ach ja, eins noch:

Wer es nötig hat, gegen Ende des zusammengeschmierten Traktates andere pauschal mit der Bezeichnung »Dreckshaufen« zu belegen, den sollte man beizeiten mit Hilfe einer kostenpflichtigen Abmahnung samt strafbewehrter Unterlassungerklärung klarmachen, dass Achtung und Respekt vor dem Anderen die Grundlage jeder zivilisierten Gesellschaft sind.

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 5

Vorherige Beiträge:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙ | Teil 2 ↙ | Teil 3 ↙ | Teil 4 ↙

Wie im vorherigen Beitrag Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 4 ↙ dargelegt, führen 1-Euro-Jobs (neben dem staatlich verordneten Zwang zur Arbeitsaufnahme im Verbund mit der staatlichen Lohnsubventionen durch Aufstockung durch die ARGE) flächendeckend zu einer Abwärtsspirale bei den Löhnen und treiben daher das Wirtschaftswachstum unserer Volkswirtschaft in die Tiefe.

Prächtig blühen die Knospen der Ahnungslosigkeit bei den Politikern auch, wenn man sich mal die Kosten für die 1-Euro-Jobs ansieht und nachschaut, wohin das Geld nicht geht.

Die Kosten für einen 1-Euro-Job bestehen aus der Regelleistung, den Kosten der Unterkunft, den Sozialversicherungsbeiträgen, den internen Verwaltungskosten der ARGE sowie der Vergütung für den Maßnahmeträger und die Mehraufwandsentschädigung für den 1-Euro-Jobber. Die Kosten für einen regulären Arbeitsplatz (Bruttolohn) setzen sich aus dem Nettolohn, den Sozialversicherungsabgaben und der Lohnsteuer zusammen.

Um die Kosten zu vergleichen, nehme man einen x-beliebigen 1-Euro-Job und stelle die Kosten für diesen Job plus dem ALG 2 dem Betrag gegenüber, den der Hilfeempfänger insgesamt aus Regelleistung, Kosten der Unterkunft und Mehraufwandsentschädigung erhält. Dann nehme man für den Betrag, den der Hilfeempfänger eines regulären Arbeitsplatzes erhält, den entsprechenden Bruttolohn und stelle diesen wiederum dem Nettolohn gegenüber.

Und jetzt wird es abenteuerlich. Bei gleichem »Netto« sind die Kosten des 1-Euro-Jobs plus ALG 2 höher als ein entsprechender Bruttolohn für den Arbeitgeber! Gleichzeitig fließen deutlich weniger Abgaben die Sozialversicherung zurück!

Das bedeutet nichts anderes, dass der Staat für die gleiche Beschäftigung mehr Geld ausgibt und dann auch noch seine (eigentlich ja unsere) Sozialkassen schwächt. Mit dem bereits bekannten Ergebnis, dass den Krankenkassen Geld fehlt, der Pflegeversicherung Geld fehlt, der Rentenversicherung Geld fehlt und das Gesamteinkommen in der Volkswirtschaft weiter sinkt. Der Arbeitslosenversicherung fehlt sowieso Geld, denn bei einem 1-Euro-Job zahlt die ARGE in diese Versicherung nicht nur weniger, sondern grundsätzlich gar nichts ein.

Mit unseren Politikern ist Wirtschaftswachstum einfach nicht möglich. Sie begreifen einfach nicht, dass geringere Löhne und schlechter ausgestattete Sozialkassen niemals zu mehr Wirtschaftswachstum führen.

Nun könnte man ja meinen, wenn 1-Euro-Jobs teurer als reguläre Arbeitsplätze sind, dann würden zumindest die Kommunen keine regulären Arbeitsplätze durch 1-Euro-Jobs ersetzen; sie würden sich ja marktwirtschaftlich unvernünftig verhalten. Weit gefehlt.

Denn auch hier liegt die Krux im Detail: Die Kommunen übernehmen nur die Kosten der Unterkunft sowie die Kosten für die 1-Euro-Jobs und der Bund übernimmt die Regelleistungen. Es ist daher aus Sicht der Kommunen  marktwirtschaftlich absolut sinnvoll, reguläre Arbeitsplätze durch 1-Euro-Jobs zu ersetzen, da sie die Kosten der Regelleistung nicht übernehmen muss.

Man kann auch hier zum wiederholten Male erkennen, dass Politiker die Gesetzmäßigkeiten einer Volkswirtschaft nicht kennen oder einfach ignorieren. Was für die einzelne Kommune sinnvoll ist, kann für eine Volkswirtschaft nicht nur schädlich sein, hier ist es auch schädlich.

Dabei wäre die Lösung so einfach: Der Bund könnte die Regelleistung den Kommunen komplett zur Verfügung stellen und diese könnten wirtschaftlich sinnvoll reguläre Arbeitsplätze erhalten und bei bestehender Nachfrage neue Arbeitsplätze schaffen. Die Löhne wären bezahlbar, da auch die Vergütung für den Maßnahmeträger wegfällt. Die Arbeitsplätze, die beim Maßnahmeträger wegfallen, werden durch neue Arbeitsplätze ersetzt. Die Sozialkassen erhalten erhalten wieder mehr Beiträge und können wieder mehr Leistung erbringen. All dies würde das Wachstum unserer Volkswirtschaft wieder ankurbeln und mehr Wohlstand für die breite Masse der Bevölkerung bringen.

Wie oben erwähnt gerhört zu den hier betroffenen Sozialversicherungen auch die Rentenversicherung, die durch die 1-Euro-Jobs weniger Beiträge erhalten. Die staatlichen Renten vieler Menschen werden beschädigt und es droht Altersarmut.

Und auch hier richten die Hartz-Reformen bereits jetzt bereits weit mehr Unheil an und werden in der Zukunft noch mehr Unheil anrichten . …

Weiter und Schluss mit Teil 6 ↙

08.09.2009

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 4

Vorherige Beiträge:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙ | Teil 2 ↙ | Teil 3 ↙

Im letzten Beitrag Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 3 ↙ habe ich beschrieben, dass positive Anreize durch einen Mindestlohn Lohnerhöhungen in der Breite und damit zu mehr Wirtschaftswachstum führen.

Das Instrument des Mindestlohns jedoch vermag dann nicht die Leistung unserer Volkswirtschaft zu erhöhen, wenn ein anderes arbeitsmarktpolitisches Instrument, der sog. 1-Euro-Job (oder auch Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung genannt) flächendeckend Menschen in Beschäftigung bringt, wenn es keine zusätzliche Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen gibt.

Halten wir nochmal fest: Mehr Nachfrage nach Waren oder Dienstleistungen zieht mehr Investitionen seitens der Unternehmen und dadurch mehr Arbeitsplätze nach sich. Es ist also die Nachfrage, die Wirtschaftswachstum hervorruft und damit Arbeitsplätze schafft. Umgekehrt gilt: Keine Nachfrage, kein Wirtschaftswachstum.

Ein zusätzlich geschaffener 1-Euro-Job ist also nur dann sinnvoll, wenn er auf eine zusätzliche Nachfrage trifft! Tatsächlich gibt es eine gesellschaftlich gewollte Nachfrage nach Dienstleistungen, beispielsweise im Gesundheitswesen und in der Pflege. Es gibt aber keine marktrelevante Nachfrage!

Trotzdem gibt es ein Heer von 1-Euro-Jobbern, die nicht Däumchen drehen, sondern tatsächlich arbeiten. Nicht nur im Pflegebereich, sondern auch bevorzugt im Gartenbau, in öffentlichen Grünanlagen, bei Mülldeponien und in vielen anderen »Einrichtungen». Dieser scheinbare Widerspruch löst sich allerdings auf, wenn man sieht, dass so gut wie keine zusätzlichen Jobs geschaffen wurden, sondern reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen durch 1-Euro-Jobs ersetzt wurden.

Wenn also reguläre Arbeit durch 1-Euro-Jobs ersetzt werden, gibt es keine zusätzliche marktrelevante Nachfrage, da niemand bereit ist, für die zusätzliche Dienstleistungen zu bezahlen. Bestehende Artbeitsplätze werden lediglich durch billigere und staatlich subventionierte Arbeitsplätze ersetzt.

Aber das ist nicht alles. Entgegen jedem marktwirtschaftlichem Sachverstand treten diese 1-Euro-Job mit staatlich subventionierten Dumpinglöhnen zu regulären Arbeitsplätzen in Konkurrenz und schwächen somit deren Preise am Markt. Und wieder führt die Abwärtsspirale der Löhne zu weniger Konsum, zu weniger Nachfrage und zu weniger Wirtschaftswachstum.

Man kann es unseren Politikern nicht oft genug sagen: Was für den einzelnen Betrieb oder auch die einzelne Kommune und karitative Einrichtung sinnvoll und rational ist, nämlich reguläre Arbeitsplätze durch billige 1-Euro-Jobs zu ersetzen, ist für die gesamte Volkswirtschaft schlecht. Geringere Löhne führen zu geringer Nachfrage führen zu weniger Arbeitsplätzen.

Aber der »Sachverstand« unserer Politiker treibt noch absonderlichere Blüten. Wenn man nämlich mal die Kosten für 1-Euro-Jobs mit die Kosten für reguläre Arbeitsplätze vergleicht, kommt man zu erstaunlichen Ergebnissen. …

Weiter mit Teil 5 ↗

07.09.2009

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 3

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Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 2 ↙

Im letzten Beitrag Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 2 ↙ hatte ich angedeutet, dass man positive Anreize schaffen muss, wenn man mehr Menschen in Arbeit bringen will.

Was unsere Politiker bis heute nicht begriffen haben: Negative Anreize, also Sanktionen bei der Verweigerung, einen angebotenen Arbeitsplatz anzunehmen, setzt eine flächendeckende Abwärtsspirale der Löhne in Gang. Dies betrifft nicht nur den Niedriglohnsektor, sondern durch die rückläufige Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen auch den Sektor der Besserverdienenden und vor allem auch den Bereich der Selbstständigen und der Unternehmen. Die gesamte Leistung unserer Volkswirtschaft wird also in Mitleidenschaft gezogen.

Aber wie kann man es richtig machen?

Hier kommt der bei vielen Vertretern der freien Marktwirtschaft so verpöhnte Mindestlohn ins Spiel. Dieser übernimmt zwei Aufgaben:

Zum einen setzt er eine Marke für den niedrigsten Lohn deutlich über dem staatlich garantierten Existenzminimum. Der Mindestlohn erlaubt es dem Arbeitslosen und dem Arbeitgeber, einen Marktpreis für Arbeit auszuhandeln, der für den potentiellen Arbeitnehmer rational marktwirtschaftich gesehen akzeptabel ist. Das ist dann gelebte funktionierende soziale Marktwirtschaft.

Zum anderen hebt er für alle Arbeitnehmer das Lohnniveau dahingehend, dass der Konsum von Gütern und Dienstleistungen flächendeckend ansteigt und somit die Nachfrage am Markt erhöht. Erst die erhöhte Nachfrage erlaubt es Unternehmen, wieder mehr Arbeitnehmer einzustellen und Investitionen zu tätigen. Ein wichtiger Aspekt des Mindestlohns ist, dass er die Nachfrage in der Breite (der Lohngruppen) erhöht und nicht in der Spitze.

Unsere Politiker müssen daher endlich begreifen: Kein rational entscheidender Unternehmer stellt Arbeitnehmer ein und erhöht sein Angebot an Waren und Dienstleistungen, wenn er keine Abnehmer zu findet glaubt. Gleichgültig, wie billig die Arbeitskraft ist.

Unternehmen, die keine Löhne oberhalb des Existenzminimums zahlen können, sind nicht marktfähig. Verdeckte Subvention durch Aufstockung der Löhne zögert das unvermeidliche Scheitern des Unternehmens nur hinaus und zieht gleichzeitig die noch marktfähigen Unternehmen mit in die Tiefe, da sich letztere ihre Löhne (noch) nicht subventionieren lassen. Das Wirtschaftswachstum kann nur zurückgehen.

Und die Arbeitsplätzen, die nun aufgrund fehlender staatlicher Subventionen wegfallen? Ja, diese wird es geben. Aber auch wenn sie in der von den Arbeitgeberinstituten und -verbände prognostizierten Größenordnung wegfallen, so sind sie doch eine vorrübergehende Erscheinung. Der durch den Mindestlohn angestoßene Konsumaufschwung durch die jetzt wieder vernünftig entlohnten Arbeitnehmer und das damit verbunde Wirtschaftswachstum in der Breite zieht schon nach einiger Zeit die Wirtschaft wieder mit hoch und schafft erneut Investitionen und neue Arbeitsplätze.

Also liebe Politiker, hämmert es in Eure Gehirne: Niedrige Löhne machen für das einzelne Unternehmen durchaus Sinn, niemals jedoch für die gesamte Volkswirtschaft. Und staatlich subventionierte niedrige Löhne sind marktwirtschaftlich gesehen Unfug ersten Ranges.

Aber nicht nur durch den staatlich initiierten Niedriglohnbereich torpedieren die verantowrtlichen Politiker das Wachstum unserer Volkswirtschaft. Es gibt da auch noch die 1-Euro-Jobs …

Weiter mit Teil 4 ↙

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 2

Vorherige Beiträge:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙ (Start der Serie)
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙

Wie im letzten Beitrag Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙ geschrieben, haben die Politiker nicht verstanden, was sie mit den Hartz-Reformen volkswirtschaftlich angerichtet haben und noch immer anrichten:

Durch die Hartz-Reformen gibt es ein Ungleichgewicht, was die Preise für Arbeit am Arbeitsmarkt angeht. Der Arbeitslose ist gezwungen, jeden Job anzunehmen, der Arbeitgeber kann fast jeden niedrigen Lohn anbieten, die ARGE gleicht die Differenz zum Existenzminimum aus. Gerade auch aus rein marktwirtschaftlicher Sicht ist solch ein Zustand unsinnig.

Zusätzlich ist ein Leben am Rande oder unterhalb des Existenzminimums für den einzelnen Unternehmer sinnvoll, da er nur geringe Löhne zahlen muss. Ein Wettrennen um die niedrigsten Löhne steht jedoch dem Ziel, Wirtschaftswachstum zu erzeugen, diametral gegenüber.

Was also tun?

Als erstes muss die Subvention der Unternehmen durch Aufstockung der zu geringen Löhne abgeschafft werden. Wenn ein Unternehmen keinen Lohn zahlen kann, um dem Arbeitnehmer ein Leben oberhalb des Existenzminimums zu ermöglichen, dann ist das hergestellte Produkt oder die angebotene Dienstleistung nicht marktfähig. Punkt.

Auf Seiten der Arbeitslosen muss gleichzeitig die Zumutbarkeit jedes Jobs zurückgenommen werden. Nur dann ist der Arbeitslose in der Lage, einen zu schlecht bezahlten (unterhalb des Existenzminimums liegenden) Job abzulehnen, was eine notwendige Bedingung ist, um am Markt überhaupt den Preis für seine Arbeit aushandeln zu können. Dies sollte sogar marktradikalen Protagonisten einleuchten.

Mit der Rücknahme der oben genannten Punkte fallen natürlich auch die Sanktionsbestimmungen bezüglich der Arbeits-nicht-Aufnahme weg. Dies könnte einige (leider wohl eher viele) dazu verleiten, zu sagen: »Dann geht ja keiner mehr arbeiten!«

Aber schauen wir uns doch die Situation im Hier und Jetzt an: Für viele Arbeitslose aber auch für viele Beschäftigte ist der Unterschied zwischen Erwerbseinkommen und staatlicher Alimentierung nicht besonders groß oder gar nicht vorhanden. Aus Sicht eines einzelnen Arbeitslosen ist es daher marktwirtschaftlich völlig rational und richtig, eine schlecht bezahlte Beschäftigung nicht anzutreten.

Wenn wir wollen, dass mehr Menschen eine freie Arbeitsstelle annehmen und nicht aus rationalen Erwägungen lieber zu Hause bleiben, müssen wir das Problem anders lösen. Möglichst mit einer Maßnahme, die unsere Volkswirtschaft gleichzeitig ankurbelt.

Und das ist gar nicht mal so schwierig …

Weiter mit Teil 3 ↙

Nachtrag:

Wenn also Herr Westerwelle von der FDP gerade wieder rumposaunt: »Die (faule Arbeitslose) werden bei uns kein Geld bekommen.« (FR, 06.09.2009 ↗) so legt er bereits den Grundstein für marktwidriges Handeln. Denn wie will er feststellen, ob ein Arbeitsloser aus rationalen marktwirtschaftlichen Erwägungen ein Arbeitsangebot ausschlägt oder weil er zu faul ist?

In einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft dürfen marginale Ausreißer keine Rolle spielen, will man nicht das ganze System unterminieren!

06.09.2009

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1

Vorheriger Beitrag:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙ (Start der Serie)

Disclosure:

An dieser Stelle möchte ich eines festhalten: Eine Marktwirtschaft ist für mich nur dann eine soziale Marktwirtschaft, wenn sie jedem und jeder ein Leben in der Gesellschaft sichert, also keinen Menschen zurücklässt. Wer bereit ist, Menschen dahinvegetieren zu lassen, weil sie nicht so funktionieren, wie sie es einer beliebigen Philosophie gemäß sollen, gehört für mich nicht zur zivilisierten Menschheit. Punkt. An dieser Stelle: Keine Diskussion.

Im vorherigen Beitrag Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙ habe ich mir Gedanken über die Zusammenhänge zwischen Hartz IV und der Wirtschaftskrise gemacht. Ich habe mich gefragt, welche einfachen und vernünftigen Fragen zu Hartz IV sich unsere Politiker nicht gestellt haben und so bis heute dafür sorgen, dass nicht nur Potential für einen wirtschaftlichen Aufschwung geradezu niedergeknüppelt wurde und wird, sondern auch die momentane wirtschaftliche Lage noch verschärft wird.

Es reicht aber nicht, nur Fragen zu stellen. Sie erlauben uns zwar festzustellen, dass SPD Bündnis90/Die Grünen und CDU/CSU arbeitsmarktpolitisch rund um Hartz IV versagt haben (die FDP durfte nicht ran, hätte aber alles nur noch schlimmer gemacht), aber was könnte man besser machen?

Zuerst einmal wird das Existenzminimum durch die Hartz-Reformen und die fehlende bzw. zu späte Anpassung an die Teuerungsrate auf einem sehr niedrigen Niveau festgelegt. Mancherorts und für viele reicht auch das nicht, die Menschen werden zusätzlich von den örtlichen Tafeln mit Lebensmitteln unterstützt.

Dies führt zwangsläufig dazu, dass es bei dieser Gruppe einen Konsum über das Nötigste hinaus nicht geben kann. Und schon an dieser Stelle kann man sagen: Wenn es nur einen geringen Teil der Bevölkerung in einen begrenzten Zeitraum betrifft, wäre es für unsere Volkswirtschaft vielleicht möglich, diesen Zustand zu verkraften. Aber wenn ein signifikanter Anteil der Bevölkerung unter den Bedingungen des Existenzminimums (sic!) eine längere Zeit leben muss — und das heißt im volkswirtschaftlichen Sinne: wirtschaften —, fördert dies definitiv nicht das Wirtschaftswachstum.

Wir halten fest: Allein das Leben am Rande des Existenzminimums fördert nicht das Wirtschaftswachstum eines ganzen Wirtschaftsraums. Leben am Rande des Existenzminimums (der Arbeitnehmer) hilft nur wenigen Unternehmen, nicht aber unserer Volkswirtschaft als Ganzes.

Zwischenüberlegung ohne Relevanz vorläufiger Schlussfolgerungen:
Wenn es kein oder nur noch geringes Wirtschaftswachstum gibt, wäre es nicht gut, wenn der Staat dann interveniert? Wofür bezahle ich eigentlich meine Steuern, wenn der Staat untätig daneben steht oder die Lage sogar noch verschlimmbessert? Die Antworten suche ich ein andermal.

Kommen wir zum nächsten Punkt der Hartz-Reformen, dem Arbeitszwang. Ich möchte es genauso nennen, wie es funktioniert. Die gesetzlich verankerte Möglichkeit, das Existenzminimum (sic!) auch noch zu kürzen, zwingt viele Arbeitslose in Arbeitsverhältnisse, die sie auf einem freien Markt ohne staatliche Hartz-IV-Sanktionierung nie eingegangen wären.

Wenn denn soziale Marktwirtschaft für marktgerechte Preise sorgen würde, also auch für einen marktgerechten Preis der Arbeitskraft am freien Markt, wäre Arbeit unterhalb des Marktpreises nicht möglich — so die Theorie. Jedoch, die Marktteilnehmer, der Anbieter von Arbeitskraft (potentieller Arbeitnehmer gleich Arbeitsloser) und der Nachfrager (Arbeitgeber) treffen seit den Hartz-Reformen nicht mehr gleichberechtigt aufeinander! Der Arbeitslose ist per Gesetz gezwungen, jegliche Arbeit anzunehmen und der Arbeitgeber braucht nunmehr nur noch einen Lohn knapp oberhalb der sozialabgabenfreien durchschnittlichen Entlohnung realexistierender ostasiatischer Lohnsklaven anbieten. Der Staat zahlt ja die Differenz zum Existenzminimum! In der scheinbar sozialen Marktwirtschaft steht der Gewinner stets bereits im vorherein fest: Die Arbeitgeber.

Unter den Bedingungen der gesetzlich festgeschriebenen Vorteile der Arbeitgeber bei der »Lohnfindung am freien Markt« muss zwangsweise das Rattenrennen (Rat Race) um die niedrigsten Löhne folgen. Jeder einzelne Unternehmer, der dieser Logik folgt, handelt bzgl seines Unternehmens rational richtig. Unsere Volkswirtschaft als Ganzes wird jedoch unter diesen Bedingungen immer tiefer in die Scheiße geritten.

Und dagegen muss man was tun! …

Weiter mit Teil 2 ↙

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