Der Säzzer

18.09.2009

Die Forderung nach Mindestlohn an sich ist schon eine Schande

»Ich sage, der Mindestlohn ist richtig. Er ist eine Schande für uns Unternehmer, weil man ihn überhaupt fordern muss. Denn wenn ein Unternehmer einen Mitarbeiter den ganzen Tag nutzt und ihm dann sowenig bezahlt, dass er davon nicht leben kann, dann ist das eine Schande, wäre das eine Schande für mich als Unternehmer. Und wenn das so ist, dann fordere ich den Mindestlohn (gemeint ist: Aufstockung duch die ARGE; d. Säzzer), den es gibt, nicht an. Dass andere meine Steuern kriegen, um ihre Arbeitslose (dann als Arbeitnehmer mit Aufstockung durch die ARGE; d. Säzzer) mitzufinanzieren und ich im Prinzip ihn voll bezahle. Das hat mit der Marktwirtschaft nichts zu tun. Und deshalb brauchen wir einen Mindestlohn. Da ist die CDU anderer Meinung, aber ich bin immer der Meinung, das was ich für richtig finde, darf ich auch sagen. […]« (Wolfgang Gruppe, Chef und Firmeninhaber von Trigema bei Harald Schmidt ↗ am 17.09.2009)

Der zentrale Satzt ist: »Das hat mit der Marktwirtschaft nicht zu tun.«

Wenn Politiker die soziale Marktwirtschaft wollen, dann dürfen sie diese auch nicht aushebeln.

Man muss sich folgendes klarmachen: Wenn ein Unternehmen keinen Lohn zahlen kann, um dem Arbeitnehmer ein Leben oberhalb des Existenzminimums zu ermöglichen, dann ist das hergestellte Produkt oder die angebotene Dienstleistung nicht marktfähig. Eigentlich müssten diese Unternehmen Insolvenz anmelden. Stattdessen fallen sie indirekt, d.h. über die Aufstockung der Löhne durch die ARGE, in die »soziale Hängematte«!

Unternehmen, die ihre Löhne durch den Staat aufstocken lassen müssen, bescheißen! Sie halten sich nicht an ihre eigenen marktwirtschaftlichen Regeln.

16.09.2009

Lehman kam nicht aus dem Nichts

Seit der Bankenkrise gingen und gehen unsere regierenden Politiker konsequent daran, die Ursache der ganzen Misere nicht aufzuklären. Lehman sei Schuld, die Gier der Banker sei schuld, die fehlende Regulierung der Banken sei schuld. Man habe dagegen nichts tun können und müsse nun darangehen, dies in Zukunft zu verhindern.

Wie kann man jedoch eine erneute Bankenkrise verhindern, wenn man nicht begreift, was dort im volkswirtschaftlichen Sinne vor sich gegangen ist, welche Voraussetzungen dafür verantwortlich waren und welche Konsequenzen dies zwangsweise nach sich zog? Wie will man etwas ändern, wenn die Diagnose erst bei dem Fall der Lehman-Bank ansetzt und nicht bereits mehrere Jahre früher?

Und warum glaubt man eigentlich, dass diejenigen unsere Wirtschaft retten, die uns überhaupt erst den  Schlamassel eingebrockt haben?

Grenzenloses Wachstum im Bankensektor und Renditeversprechen ohne Substanz in der Realwirtschaft erzeugen keinen Wohlstand. Jedenfalls nicht auf Dauer und vor allem dann nicht, wenn der Staat — also wir — später dafür zahlen müssen. Es konnte nicht funktionieren und dafür gab es frühzeitig Anzeichen.

Mehrere Artikel setzten sich mit der Vorgeschichte der Bankenkrise auseinander.

Investmentbanken: Die deutsche Lehman-Lüge ↗ (Financial Times Deutschland, 10.08.2009)

Die Lehman-Lügen ↗ (Frankfurter Rundschau, 14.09.2009)

Lehmann ist an allem Schuld, allem Schuld, allem Schuld ↗ (Kritik und Kunst, 15.09.2009)

Vielleicht wählen Sie bei der kommenden Bundestagswahl die Partei, bei der Sie sich erhoffen können, dass sie die Ursachen der Krise erkannt hat und Abhilfe schaffen will. Die Partei, die die Finanzmärkte regeln will, die verantwortungsvoll mit Wirtschaftskrisen umgehen kann.

Und vor allem: Wählen Sie eine Partei, die ein Wirtschaftswachstum für alle Einkommensschichten schaffen will. Nur der Wirtschaftsraum, der alle mitnimmt und mindestens relativen Wohlstand für alle schafft, kann auf Dauer bestehen. Der Wohlstand aller schafft Wirtschaftswachstum, nicht umgekehrt!

Am 27. September habt Ihr/haben Sie die Wahl.

Weiterführende Links:

Steinbrücks biedere Flucht aus der Verantwortung (Finanzkrise XXIII) ↗ (NachDenkSeiten, 20.07.2009)
Pleitemanager beraten die EU ↗ (taz, 02.03.09)
Lehman-Crash — Wie deutsche Banken das Desaster befördert haben ↗ (SPON, 15.09.2009)
HSH Nordbank — Marnette legt nach ↗ (Manager Magazin, 12.09.2009)

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11.09.2009

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 6

Vorherige Beiträge:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙ | Teil 2 ↙ | Teil 3 ↙ | Teil 4 ↙ | Teil 5 ↙

Wie in den fünf vorherigen Beiträgen erklärt, führen die Hartz-Reformen dazu, dass das Wirtschaftswachstum flächendeckend abgewürgt wird.

Ein weiterer Punkt der Hartz-Reformen kam 2008 dazu, der den zukünftigen Rentnern bald besonders weh tun wird und auch in diesem Fall dem Wirtschaftswachstum die Luft abdreht.

Bis 2008 konnten Arbeitslose ab einem Alter von 58 Jahren, ohne Abschläge an ihrer Rente zu befürchten, quasi in den Vorruhestand treten. Sie verpflichteten sich, sich am Arbeitsmarkt nicht mehr zu bewerben und erhielten bis zum Beginn der Rente weiterhin ALG 2. Die Politiker sahen darin die Möglichkeit, ältere Menschen vom Arbeitsmarkt fern zu halten um mehr Jüngere in Arbeit zu bringen.

Seit 2008 aber wurde diese 58er-Regelung eingestellt. Stattdessen wird dem Arbeitslosen angeboten, ab dem 63sten Lebensjahr Rente zu beantragen. Das Angebot hat nur einen klitzeklitzekleinen Haken: Das ALG 2 ist »nachgelagert«, die Arbeitsloses müssen vorher andere Möglichkeiten ausschöpfen, bevor sie ALG 2 beziehen. Und das ist in diesem Fall die Rente ab 63. Und wenn die Arbeitslosen nicht wollen, gibt es kein ALG 2 mehr, bzw. die ARGE selbst stellt stellvertretend den Antrag auf Frühverrentung.

Durch diese Zwangsverrentung verliert der Rentner bis zu 14% Abzüge, für den Rest seines Lebens. Hier schüttet die Regierung das Kind wieder mit dem Bade aus. Die Politiker begreifen nicht, dass sie flächendeckend die Kaufkraft schwächen, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zurückgehen, Unternehmen dadurch weniger Investitionen tätigen. Arbeitsplätze werden nur geschaffen, wenn der Unternehmer eine realistische Aussicht hat, seine Produkte und Dienstleistungen auch abzusetzen.

Gleichzeitig wird die gesetzliche Rentenversicherung zusätzlich belastet, da diese jetzt vier Jahre früher Leistungen bereitstellen muss, wenn auch mit Abschlägen.

Aber nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch in der Zukunft haben die Hartz-Reformen fatale Auswirkungen.

Erhält ein Arbeitsloser ALG 2, so führt die ARGE für ihn Beiträge an die Rentenversicherung ab. Bis 2007 waren es 76 Euro, ab 2007 nur noch 40 Euro. Damit wird Anwartschaft während der Arbeitslosigkeit pro Monat fast halbiert.

Zukünftige Rentner werden daher ebenfalls weniger Nachfrage am Markt erzeugen. Das heute eingesparte Geld führt in ein paar Jahrzehnten zu schwindender Kaufkraft und diese wieder zu schwachem Wirtschaftswachstum. Unsere Politiker reagieren also auf schwaches Wirtschaftswachstum damit, das die diese noch weiter schwächen.

Wieder muss man konstatieren, dass unsere Politiker frei von jedwedem volkswirtschaftlichem Verständnis agieren und damit verantwortungslos sowohl über das jetzige, als auch über das zukünftige Schicksal unserer Volkswirtschaft entscheiden. Es wird Zeit, sie bei der nächsten Bundestagswahl abzuwählen.

Für die geneigte Leserin und den geneigten Leser ist es daher bei der kommenden Bundestagswahl wichtig, darauf zu achten, welche Partei Maßnahmen für die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums im Programm hat. Wie man inzwischen erkannt haben müsste, ist die Verringerung der Kaufkraft für einen breiten Teil der Bevölkerung nicht das richtige Rezept gegen die Wirtschaftskrise.

Dies ist der letzte Teil der Serie »Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded«, vielleicht werde ich demnächst noch eine Zusammenfassung schreiben. Viele Aspekte, gerade die zwischenmenschlichen und sozialen Folgen habe ich bewusst außen vorgelassen. So konnte dargestellt werden, dass die Hartz-Reformen auch ohne das Elend (inzwischen doch vieler) einzelner für unsere gesamte Volkswirtschaft schädlich sind und auch die besseren Einkommensschichten bedrohen.

Am 27. September habt Ihr/haben Sie die Wahl!

Vorherige Beiträge:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙
Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 1 ↙ | Teil 2 ↙ | Teil 3 ↙ | Teil 4 ↙

10.09.2009

Wenn fehlender Sachverstand auf Eigennutz trifft, wird die Welt plötzlich sehr klein

Wer einmal sehen möchte, wie ideologische Abneigung gegen eine bestimmte politische Richtung blind macht für das Gemeinwohl, wird auf der Website stoppt-die-linke.de in dem Beitrag Highlights aus dem Wahlprogramm der Linken (Teil 6) vom 09.09.2009 fündig. Frei von jedem volkswirtschaftlichen Verständnis und getrieben von dem Ehrgeiz, für sich (und Gleichgesinnte) das beste herauszuholen, reißen sie lieber jede funktionierende Volkswirtschaft (und eine schwächelnde wie die unsrige erst recht) in Richtung Abgrund, als auch nur einem »Unproduktiven« zuviel Wohlstand (oder was sie dafür halten) zu gönnen.

Fangen wir doch einfach mal an.

»[…] Spätestens bei diesem Thema (Sozialpolitik; d. Säzzer) wird deutlich, dass es der Linken eigentlich nur um eines geht: um Umverteilung. Umverteilung von den Produktiven zu den Unproduktiven – und das nicht nur zu den Arbeitslosen, sondern auch den Arbeitsunwilligen. Ausbaden müssen das keineswegs nur die sog. “Super-Reichen”, sondern alle, die mit produktiver Arbeit einen Hauch mehr verdienen als der Durchschnitt.«

Ahnungsbefreit benutzen die Autoren des Weblogs das Begriffspaar »produktiv« und »unproduktiv« und unterwerfen die durchaus komplexen Einkommensstrukturen der simplen Aufteilung ihrer kleinen Welt in Diese und Jene. Freilich ohne zuvor zu definieren, wer produktiv und wer unproduktiv ist.

Sind diejenigen produktiv, die ihr Geld anlegen und dieses samt Zinsen zurückbekommen? Wohl kaum, auch wenn sie ihren eigenen Wohlstand vermehren. Faktisch sind diese Menschen sogar arbeitsunwillig. Wer genug Geld hat und aus diesem Grund nicht mehr arbeitet und sein Geld anlegt handelt marktwirtschaftlich genauso logisch, wie ein Mensch, der nicht arbeitet, weil der angebotene Lohn zu niedrig ist. Die wenigen, die für keinen Lohn der Welt arbeiten wollen, sind volkswirtschaftlich völlig irrelevant und fallen nicht ins Gewicht.

Darüber hinaus setzten sich die Autoren über die Tatsache hinweg, dass in einer Volkswirtschaft in erster Linie die Nachfrage nach Dienstleistungen und Waren entscheidend für das Wirtschaftswachstum ist. Ob Arbeitnehmer oder Arbeitslose, Arme oder Reiche, Unternehmer oder Arbeiter, Angestellter oder Beamter, Kind oder Rentner, sie alle tragen zur Nachfrage bei.

Um eine Volkswirtschaft nach vorne zu bringen, um Wirtschaftswachstum zu erzeugen, muss die Nachfrage und damit der Konsum angekurbelt werden, egal von wem. Das größte Potential für eine erhöhte Nachfrage liegt natürlich vor allem bei den Armen und sinkt mit der Größe des vorhandenen Einkommens. Je ärmer ein Mensch, desto mehr seines Vermögens steckt er in den Konsum. Je reicher ein Mensch, desto weniger seines Vermögens steckt er in den Konsum.

Es ist volkswirtschaftlich absolut unsinnig, arbeitsmarktpolitische Instrumente an denen auszurichten, die nicht arbeiten wollen. Innerhalb einer Volkswirtschaft muss man sich an denen ausrichten, die zum Wirtschaftswachstum beitragen wollen und können.

Auch bezüglich der Daseinsvorsorge in früheren Zeiten postulieren die Autoren frei von jeder Sachkenntnis:

»1. Wer sagt eigentlich, dass es die Aufgabe des Staates ist, für so ziemlich jedes Lebensrisiko eine Vollkasko-Lösung (ohne Selbstbeteiligung!) zu bieten? Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg haben Staaten für Sicherheit und Recht gesorgt, ohne zu glauben, sich in die Daseinsvorsorge einmischen zu müssen.«

Im Gegenteil haben die Gesellschaften über »Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg« sehr wohl die Daseinsvorsorge übernommen. Sei es in jahrtausende alten Stammesgesellschaften, sei es in jahrhunderte alten Feudalgesellschaften. In den Stammesgesellschaften war es Verpflichtung, Stammesangehörigen ohne Rücksicht auf den eigenen Wohlstand in Notsituationen zu helfen, teilweise bis zum eigenen Existenzminimum. In den feudalen Gesellschaften erhielt der Lehnsherr jährlich seine Abgaben von der Bevölkerung, dafür garantierte er dieser aber auch in Zeiten der Not das Überleben.

Noch bis zum Ende des Mittelalters bis zum Beginn der frühen Neuzeit wurden Erwerbslose besser behandelt als heute. Erst mit Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte sich nach dem Vorbild der in Britannien (und nur da) bereits etablierten Arbeitspflicht der Bau von Armenhäusern durch. Es war also ironischer Weise am Ende der Aufklärung, als sich die Lebensverhältnisse der Erwerbslosen extrem verschlechterten.

Man kann also sehr gut sehen, wie man scheinbar historische Verhältnisse herbeiphantasieren muss, um seine politischen Vorstellungen zu rechtfertigen.

Auch an weiteren Stellen in diesem Pamphlet werden munter die unterschiedlichsten Begrifflichkeiten in Zusammenhang gebracht und Behauptungen einfach in den Raum gestellt.

Beispielsweise wenn behauptet wird, das Umlageverfahren funktioniere nur, wenn genug Kinder geboren werden und die Arbeitslosigkeit auf einem dauerhaft niedrigen Niveau liege. Dass unter diesen Bedingungen das Umlagesystem besonders gut funktioniert, sollte jedem einleuchten. Aber zu behaupten, dass es unter schlechteren Bedingungen nicht funktioniert, verkennt die Tatsache, dass das Umlageverfahren in erster Linie von der Produktivität (hier im volkswirtschaftlichen Sinn) unserer Wirtschaft abhängt. Es würde sogar funktionieren, wenn nur einige wenige besonders produktiv sind; aber das verlangt ja keiner. Würde ja auch gegen den »Arbeitsethos« der Autoren verstoßen.

Und dass der Staat als Garant der Daseinsvorsorge ein Monopolist ist, ist so logisch wie billig. Wer anders als der Staat kann denn letztendlich eine Daseinsvorsorge garantieren. Bestimmt nicht der pleite gegangene Versicherungskonzern. Übrigens: In der gesetzlichen Rentenversicherung fließen 2% bis 3% der Beiträge in die  Verwaltung, bei privaten Rentenversicherungen verschwinden zwischen 10% und 20% in den Taschen der Versicherer für Prämien, Verwaltung und Gewinnabschöpfung.

Nur an einer stelle liegen sie richtig. Wenn sie kritisieren, »dass die Aufteilung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil irgendeine Bedeutung hätte – hat sie aber nicht: Aus Sicht des Arbeitgebers sind das alles Lohnkosten, […]« Da haben sie recht, aber da geht es ja auch um Betriebswirtschaft.

Niemand kann als einzelner für die Gesamtentwicklung auf den Märkten verantwortlich gemacht werden. Ebenso kann man betriebwirtschaftliche Theorien nicht auf die Volkswirtschaft übertragen. Makroökonomische Entwicklungen fallen daher immer in die Verantwortlichkeit des Staates.

Auch wenn im Text noch einige Blüten an mangelndem Verständnis für wirtschaftliche Abläufe außerhalb der mikroökonomischen Sphäre zu finden sind, man muss den Text nicht zuendelesen. Daher höre ich an dieser Stelle auf.

Ach ja, eins noch:

Wer es nötig hat, gegen Ende des zusammengeschmierten Traktates andere pauschal mit der Bezeichnung »Dreckshaufen« zu belegen, den sollte man beizeiten mit Hilfe einer kostenpflichtigen Abmahnung samt strafbewehrter Unterlassungerklärung klarmachen, dass Achtung und Respekt vor dem Anderen die Grundlage jeder zivilisierten Gesellschaft sind.

Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 5

Vorherige Beiträge:

Hartz IV und die Wirtschaftskrise ↙
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Wie im vorherigen Beitrag Hartz IV und die Wirtschaftskrise Reloaded | Teil 4 ↙ dargelegt, führen 1-Euro-Jobs (neben dem staatlich verordneten Zwang zur Arbeitsaufnahme im Verbund mit der staatlichen Lohnsubventionen durch Aufstockung durch die ARGE) flächendeckend zu einer Abwärtsspirale bei den Löhnen und treiben daher das Wirtschaftswachstum unserer Volkswirtschaft in die Tiefe.

Prächtig blühen die Knospen der Ahnungslosigkeit bei den Politikern auch, wenn man sich mal die Kosten für die 1-Euro-Jobs ansieht und nachschaut, wohin das Geld nicht geht.

Die Kosten für einen 1-Euro-Job bestehen aus der Regelleistung, den Kosten der Unterkunft, den Sozialversicherungsbeiträgen, den internen Verwaltungskosten der ARGE sowie der Vergütung für den Maßnahmeträger und die Mehraufwandsentschädigung für den 1-Euro-Jobber. Die Kosten für einen regulären Arbeitsplatz (Bruttolohn) setzen sich aus dem Nettolohn, den Sozialversicherungsabgaben und der Lohnsteuer zusammen.

Um die Kosten zu vergleichen, nehme man einen x-beliebigen 1-Euro-Job und stelle die Kosten für diesen Job plus dem ALG 2 dem Betrag gegenüber, den der Hilfeempfänger insgesamt aus Regelleistung, Kosten der Unterkunft und Mehraufwandsentschädigung erhält. Dann nehme man für den Betrag, den der Hilfeempfänger eines regulären Arbeitsplatzes erhält, den entsprechenden Bruttolohn und stelle diesen wiederum dem Nettolohn gegenüber.

Und jetzt wird es abenteuerlich. Bei gleichem »Netto« sind die Kosten des 1-Euro-Jobs plus ALG 2 höher als ein entsprechender Bruttolohn für den Arbeitgeber! Gleichzeitig fließen deutlich weniger Abgaben die Sozialversicherung zurück!

Das bedeutet nichts anderes, dass der Staat für die gleiche Beschäftigung mehr Geld ausgibt und dann auch noch seine (eigentlich ja unsere) Sozialkassen schwächt. Mit dem bereits bekannten Ergebnis, dass den Krankenkassen Geld fehlt, der Pflegeversicherung Geld fehlt, der Rentenversicherung Geld fehlt und das Gesamteinkommen in der Volkswirtschaft weiter sinkt. Der Arbeitslosenversicherung fehlt sowieso Geld, denn bei einem 1-Euro-Job zahlt die ARGE in diese Versicherung nicht nur weniger, sondern grundsätzlich gar nichts ein.

Mit unseren Politikern ist Wirtschaftswachstum einfach nicht möglich. Sie begreifen einfach nicht, dass geringere Löhne und schlechter ausgestattete Sozialkassen niemals zu mehr Wirtschaftswachstum führen.

Nun könnte man ja meinen, wenn 1-Euro-Jobs teurer als reguläre Arbeitsplätze sind, dann würden zumindest die Kommunen keine regulären Arbeitsplätze durch 1-Euro-Jobs ersetzen; sie würden sich ja marktwirtschaftlich unvernünftig verhalten. Weit gefehlt.

Denn auch hier liegt die Krux im Detail: Die Kommunen übernehmen nur die Kosten der Unterkunft sowie die Kosten für die 1-Euro-Jobs und der Bund übernimmt die Regelleistungen. Es ist daher aus Sicht der Kommunen  marktwirtschaftlich absolut sinnvoll, reguläre Arbeitsplätze durch 1-Euro-Jobs zu ersetzen, da sie die Kosten der Regelleistung nicht übernehmen muss.

Man kann auch hier zum wiederholten Male erkennen, dass Politiker die Gesetzmäßigkeiten einer Volkswirtschaft nicht kennen oder einfach ignorieren. Was für die einzelne Kommune sinnvoll ist, kann für eine Volkswirtschaft nicht nur schädlich sein, hier ist es auch schädlich.

Dabei wäre die Lösung so einfach: Der Bund könnte die Regelleistung den Kommunen komplett zur Verfügung stellen und diese könnten wirtschaftlich sinnvoll reguläre Arbeitsplätze erhalten und bei bestehender Nachfrage neue Arbeitsplätze schaffen. Die Löhne wären bezahlbar, da auch die Vergütung für den Maßnahmeträger wegfällt. Die Arbeitsplätze, die beim Maßnahmeträger wegfallen, werden durch neue Arbeitsplätze ersetzt. Die Sozialkassen erhalten erhalten wieder mehr Beiträge und können wieder mehr Leistung erbringen. All dies würde das Wachstum unserer Volkswirtschaft wieder ankurbeln und mehr Wohlstand für die breite Masse der Bevölkerung bringen.

Wie oben erwähnt gerhört zu den hier betroffenen Sozialversicherungen auch die Rentenversicherung, die durch die 1-Euro-Jobs weniger Beiträge erhalten. Die staatlichen Renten vieler Menschen werden beschädigt und es droht Altersarmut.

Und auch hier richten die Hartz-Reformen bereits jetzt bereits weit mehr Unheil an und werden in der Zukunft noch mehr Unheil anrichten . …

Weiter und Schluss mit Teil 6 ↙

09.09.2009

Die Dummheitsvermutung und der freundliche Wahlhelfer von nebenan

Ein längerer Leserkommentar bei ZEIT.de ↗ beschäftigt sich ausführlich mit der Dummheitsvermutung und zeigt, wie das Niveau von politischen Diskussionen, Sachbeiträgen und journalistischer Arbeit in der Breite der Bevölkerung nach unten gezogen wird.

Bee schreibt in einer Geschichte über den Wahl-o-Mat ↗, wie die Bundeszentrale für politische Bildung ebenfalls frei von der Leber weg die Dummheit vermutet.

PS.
Meine Lieblingsgeschichte bei zynæsthesie, ein Blog mit vielen schönen Geschichten, ist übrigens die hier ↗. Und ich hab das Blog ja noch nicht ganz durch.

Links im Text:
ZEIT.DE: Die Dummheitsvermutung ↗ (02.08.2009 )
zynæsthesie: Wahl-O-Matsch ↗ (09.09.2009)
zynæsthesie: Und nichts als die Wahrheit ↗ (29.01.2009)

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