Ein lesenswerter Beitrag über Volkswirtschaft (VWL) und Betriebswirtschaft (BWL) findet sich bei FAZ.NET. Heiner Flassbeck — Chefvolkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung — skizziert, warum die Methoden und Mittel der Betriebswirtschaft nicht auf die Volkswirtschaft anzuwenden sind und schon gar nicht aus der gegenwärtigen Krise führen können.
Flassbeck kritisiert, dass das Teil (die BWL) als Ganzes (als VWL) gesehen wird:
»Das Handeln der Unternehmen ist in dieser Sicht nicht nur Gegenstand des Kapitalismus, es ist seine Richtschnur. Der Teil wird so zum Ganzen, Vielfalt wird zu Einfalt. Eine arbeitsteilige Marktwirtschaft ist nämlich mehr als die Summe ihrer Teile. Selbst wenn das Handeln der Unternehmen sein zentraler Gegenstand ist, emanzipiert sich volkswirtschaftliches Denken von der Logik des Unternehmens, weil es eine Logik des Ganzen schafft, die der einzelwirtschaftlichen häufig diametral entgegensteht.« (FAZ.NET ↗)
Seine zentrale Aussage:
»[…] In einzelwirtschaftlicher Sicht kann man durch Gürtel-enger-Schnallen die Krise zu überwinden suchen. Gesamtwirtschaftlich ist das aussichtslos, weil die Kosten des einen die Erträge eines anderen Unternehmens sind.« (FAZ.NET ↗; Hervorhebung: der Säzzer)
Sein Fazit:
»Auf der Strecke bleibt das kritische Denken. Auf der Strecke bleibt womöglich ein System (der Kapitalismus; der Säzzer), das tatsächlich schützenswert sein könnte, wenn wir denn endlich versuchen würden, es zu begreifen.« (FAZ.NET ↗)
Ich mache mir den Unterschied zwischen BWL und VWL immer an einem Beispiel deutlich:
Wenn es einem Unternehmen wirtschaftlich schlecht geht, kann es Mitarbeiter entlassen und dadurch Kosten sparen. Aber kann eine Regierung seine Bürger entlassen, wenn es der Volkswirtschaft schlecht geht?
Ich unterstelle mal, dass Politiker, die volkswirtschaftliche Probleme mit den Mitteln der Betriebswirtschaft lösen wollen, nichts verstanden haben. Ich unterstelle weiterhin, dass die Lobbyisten der Wirtschaft sehr wohl verstanden haben, wie der Hase läuft. Immerhin fordern sie seit 2 Jahrzehnten Maßnahmen (Lohnzurückhaltung, Steuersenkungen, Privatisierung öffentlicher Aufgaben), die ihrer Klientel (einzeln als betriebswirtschaftliche Einheit) zum Vorteil gereichen, nicht aber der Volkswirtschaft als ganzes.
Und noch ein Gedanke: Muss man den Begriff der Volkswirtschaft nicht auf die anderen EU-Staaten ausdehnen. Schließlich leben wir mit ihnen in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum mit einer gemeinsamen Währung. Kann ich unter diesen Bedingungen in den anderen EU-Ländern noch Konkurrenten sehen?
Ich lasse die Fragen mal so stehen. Was meint Ihr?
Links im Text:
FAZ.NET: Was sozial ist, schafft Arbeit! ↗ (23.07.2009)
Weiterführende Links:
Le Monde Diplomatique: Im Bauch des Sparschweins ↗ (14.11.2008)